Rating-Agenturen: Hilfreiches Finanzinstrument oder Teufelswerk?

Was verbirgt sich hinter Rating-Agenturen?

Der Begriff „Rating-Agentur“ sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen, wenn es um die Bewertung von Anleihepaketen oder die Zahlungsfähigkeit von bestimmten Staaten ging.

Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter einer Rating-Agentur, und welche Aufgaben hat sie? Um diesen Fragen auf den Grund gehen zu können, sollten wir uns zunächst einmal vergegenwärtigen, worum es sich bei einem Rating eigentlich handelt.

Der Begriff „Rating“

Unter dem Begriff „Rating“ versteht man in der Finanzbranche im Allgemeinen die Einschätzung und Einstufung der Bonität eines Schuldners. Es geht also darum, für eine Person (Investor) oder eine Institution (Bank, Versicherung, Staat etc.) einen (potenziellen) Schuldner hinsichtlich seiner Zahlungsfähigkeit einzustufen.

Bei dem angesprochenen Schuldner handelt es sich in der Regel entweder um Staaten, Banken oder Versicherungen, die bestimmte Anleihen, also zinstragende beziehungsweise – bringende Wertpapiere (wie Schuldverschreibungen, Anleihen, Pfandbriefe, Rentenpapiere, Obligationen oder Bonds) vertreiben beziehungsweise ausgeben.

Ein Rating ist im Finanzbereich also die Einstufung eines Schuldners, der für einen potenziellen Investor ein bestimmtes Finanzprodukt ausgibt. Mit Hilfe des Ratings soll eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls oder einer Zahlungsverzögerung durch den Schuldner getroffen werden.

Was ist eine Rating-Agentur?

Durchgeführt werden finanztechnische Ratings von so genannten Rating-Agenturen. (Kredit-)Rating-Agenturen sind private und gewinnorientierte Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit von Unternehmen sowie von Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften mit einer Buchstabenkombination (Rating-Code) bewerten – in der Regel von AAA oder Aaa (beste Qualität) bis D (zahlungsunfähig).

Rating-Agenturen ermitteln also die Bonität bestimmter Unternehmen oder Staaten, die alle Arten von Schuld-Papieren ausgeben (wollen).

Die wichtigsten Rating-Agenturen

Die drei wichtigsten Rating-Agenturen sind Moody’s, Fitch Ratings und Standard & Poor’s. Moody’s wurde 1909 gegründet und ist damit die weltweit älteste Rating-Agentur. Moody’s ist die Kurzform für Moody’s Investors Service. Das Unternehmen hat seinen Sitz in New York und besitzt am weltweiten Markt für Kreditratings einen Anteil von etwa 40%. Interessant ist, dass 17% des gesamten Aktienkapitals von Moody’s Warren Buffett gehören (ich werde darauf etwas später eingehen).

Fitch Ratings wurde 1913 gegründet und ist die kleinste der drei großen Rating-Agenturen, jedoch die größte und wichtigste europäische Rating-Agentur. Haupteigentümer des Londoner Unternehmens ist die französische Fimalac-Holding. Neben dem Hauptsitz in London unterhält Fitch Ratings auch einen Firmensitz in New York. Die Rating-Agentur ist an insgesamt 51 Standorten weltweit präsent, unter anderem auch in Frankfurt am Main als Fitch Deutschland GmbH.

Standard & Poor’s existiert seit 1941. Das New Yorker Unternehmen gehört zum Medienkonzern McGraw-Hill. Bekannt geworden ist Standard & Poor’s durch den „S&P 500“-Aktienindex der amerikanischen Börsen, den Standard & Poor’s – neben 35 weiteren Indizes – selbst erstellt.

Der Rating-Prozess

  1. Die Rating-Agentur wird von einem Kreditnehmer oder dem Emittenten selbst beauftragt, ein Rating des Schuldners zu erstellen.
  2. Daraufhin erfolgt zunächst eine Basisrecherche der Agentur, die vor allem das Umfeld – etwa den Sektor, innerhalb dessen der Schuldner agiert – beleuchtet.
  3. Der nächste Schritt besteht meist in einem Treffen der Rating-Agentur mit dem betroffenen Schuldner. Daraufhin erstellt die Rating-Agentur ein vorläufiges Rating, das dem Schuldner zugestellt wird.
  4. Das geratete Unternehmen hat jetzt noch die Möglichkeit, Einspruch gegen das Rating einzulegen und es eventuell mittels geänderter Faktenlage positiv zu beeinflussen.
  5. Danach erfolgt die Freigabe des Ratings zur Veröffentlichung.
  6. Nach der Veröffentlichung eines Ratings wird dieses permanent überwacht und eventuell auf Grund hinzugewonnener Kenntnisse neu angepasst.

Die Bewertungskriterien eines Ratings

Bei den Bewertungskriterien lassen sich drei verschiedene Faktorklassen unterscheiden:

  • Quantitative Faktoren sind im Allgemeinen Bilanzkennziffern wie Gewinn, Liquidität oder Eigenkapitalquote. Es werden damit also die wirtschaftlichen Verhältnisse des Schuldners beleuchtet und bewertet. Hierzu gehören unter anderem Liquiditäts-, Finanz- und Ertragslage, Kapitalstruktur, Bilanzentwicklung, Anfälligkeit für Währungsrisiken usw.
  • Zu den qualitativen Faktoren zählen unter anderem die Faktoren Managementqualität, (Unternehmens-)Strategie und Prozessorganisation, Mitarbeiterpotenzial, Aufbau des Controllings und Risikomanagements, Beziehung zu Geschäftspartnern etc. Sie beleuchten also eher die innere und äußere Struktur des zu bewertenden Unternehmens.
  • Zu guter Letzt werden noch so genannte Erfahrungs- und Umwelt-Faktoren betrachtet. Dabei geht es vor allem darum, wie vereinbarte Verträge eingehalten oder ob Zins- und Abschlagszahlungen termingerecht bedient wurden. Außerdem fließen extern gegebene Faktoren wie die jeweilige Branchenentwicklung, Standortbedingungen oder Lieferanten- und Kundenbeziehungen in die Bewertung ein.

Die verschiedenen Ratingsysteme

Die Ratingsysteme der drei wichtigsten Rating-Agenturen unterscheiden sich im Wesentlichen nur hinsichtlich der Rating-Codes. Dabei werden Schuldner von AAA beziehungsweise Aaa (höchst solvent) bis D (nahe der Insolvenz beziehungsweise bereits zahlungsunfähig) eingestuft. Alle relevanten Rating-Codes und deren Bedeutungen finden Sie in der abgebildeten Grafik.

Übersicht der Rating-Agenturen (zum vergrößern bitte klicken)

Verantwortung der Rating-Agenturen

Gerade bei komplexen Anlageformen wie strukturierten Produkten verlassen sich Investoren relativ stark auf das Urteil der Rating-Agenturen. Deshalb kommt ihnen ein hohes Maß an Verantwortung zu.

Ein gutes Beispiel sind die jüngst erfolgten Herabstufungen von griechischen und spanischen Staatsanleihen, die zum einen meist sofort höhere Zinssätze nach sich zogen, zum anderen aber auch zu Panik am Währungsmarkt (Stichwort Euro-Absturz) führten.

Probleme des Rating-Verfahrens

Das Hauptproblem bei der Vergabe von Ratings ist mangelnde Transparenz der Informationsbeschaffung. Wie Kreditinstitute oder auch Gläubiger haben Rating-Agenturen häufig das Problem, dass sie nur sehr schwer an dringend benötigte Informationen (vor allem Zahlen) des einzustufenden Unternehmens gelangen.

Das liegt insbesondere daran, dass Schuldner oft Informationen zurückhalten, verharmlosen oder zu spät beziehungsweise gar nicht veröffentlichen, da diese für die Unternehmen einen wirtschaftlichen Nachteil zur Folge haben könnten.

Im Umkehrschluss verschafft eine zu große Transparenz auch Probleme – nämlich dann, wenn Rating-Experten von Investmenthäusern abgeworben werden und das einzustufende Unternehmen dann geschickt so aussehen lassen, dass es von der Agentur gut eingestuft wird. Darüber hinaus besteht beim Rating-Verfahren das Problem, dass eventuelle Unternehmenskrisen durch entsprechende Einstufungen verschlimmert werden.

Emissionsbedingungen und Kreditverträge beinhalten oftmals Anpassungs- und Kündigungsklauseln, die mit den Ratings einer Agentur verknüpft sind. Jede Rating-Verschlechterung kann in einem solchen Fall eine Kündigung des Gläubigers auslösen.

Es entsteht eine Art Teufelskreis, da letztlich Gläubiger oder potenzielle Geschäftspartner des herabgestuften Unternehmens vorsichtiger werden, weniger investieren oder gänzlich aus dem Unternehmen aussteigen.

Kritik der Rating-Agenturen

Die Kritik hinsichtlich Sinn und Zwecks von Kredit-Ratings nimmt zu, besonders seit dem Einbruch am US-Hypothekenmarkt: Die Rating-Agenturen sollen vielen Produkten zu gute Noten gegeben und zu spät auf die Krise reagiert haben.

Außerdem wird Ihnen vorgeworfen, mit der Vergabe teilweise unrealistisch guter Ratings den Marktteilnehmern ein zu niedriges Risiko signalisiert und dadurch den Finanzmärkten einen falschen Anreiz geschaffen zu haben.

Die Glaubwürdigkeit der Rating-Agenturen beziehungsweise die Aussagekraft der von ihnen vergebenen Ratings werden auch im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Wertpapierbetrugs gegen Goldman Sachs in Frage gestellt, da die fraglichen Wertpapiere mit dem besten Rating versehen waren.

Auch die Rolle, die die Ratings in der durch Griechenlands Staatsverschuldung ausgelösten Währungskrise spielen, sorgt dafür, dass die Rating-Agenturen ins Visier der Politik geraten.

An der Börse spiegelt sich der Glaubwürdigkeitsverlust in den Anleihenkursen beziehungsweise den Risikoaufschlägen wider, die oft von den diesbezüglichen Ratings stark abweichen.

Interessenkonflikte an der Tagesordnung

Vor allem immer wieder auftauchende Nachrichten über zu enge Beziehungen zwischen Rating-Agenturen und Vorständen von einzustufenden Schuldnern erschüttern zunehmend die Finanzwelt. Einerseits werden Vorstände aufgefordert, Maßnahmen zur Verbesserung des Ratings anzustellen, andererseits stellen ja gerade die einzustufenden Schuldner die größte Einnahmequelle der Agenturen dar.

Die Gefahr eines Interessenkonflikts liegt da natürlich nahe: Drohende Herabstufungen könnten zu Streitigkeiten oder durch Wechsel der Agentur gar zu einem Verlust der – Gebühren zahlenden – Schuldner führen.

Besonders heikel ist es bei der Rating-Agentur Moody’s: Hier besitzt der Milliardär und Börsenguru Warren Buffett ein Aktienpaket von etwa 17%. Ein solches Aktienpaket bietet natürlich Potenzial für enormen Druck, den Buffett im Notfall auf die Rating-Agentur ausüben könnte – sollte diese „seinen“ Investments keine Bestnoten geben. Gerade das wird Buffett beziehungsweise befreundeten Banken und Rating-Analysten vorgeworfen.

Eine Untersuchung zu den Vorfällen läuft aktuell noch. Buffett hat sich in einer Erklärung zwar davon distanziert und Investoren empfohlen, sich auf ihren gesunden Menschenverstand zu verlassen – so ganz ohne Konsequenzen dürfte die ganze Geschichte dennoch nicht für ihn ausgehen.

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